Virtuelle Rundgänge im Museum
Eva Reifert und Bernhard Witz vom Kunstmuseum Basel im Interview

Wenn Ausstellungen enden, müssen ihre Geschichten nicht verschwinden.
Das Kunstmuseum Basel gehört zu den weltweit bedeutendsten öffentlichen Kunstsammlungen und verbindet historische Bestände mit Ausstellungen, die zentrale Fragen der Kunst- und Kulturgeschichte in neuem Licht beleuchten. Mit der Ausstellung „Torn Modernism – Die Basler Ankäufe entarteter Kunst“ beleuchtete das Museum ein besonders komplexes Kapitel seiner Sammlungsgeschichte.
Wie kann eine Ausstellung auch nach ihrem Abbau zugänglich bleiben – mit einem Gefühl für Raum und Kontext sowie hochauflösenden Bildern der Exponate? Mit cura3D 360° InteractiveTour Photo entstand der fünfte virtuelle Rundgang für das Kunstmuseum Basel. Eine besondere technische Erweiterung war die Integration hochauflösender Kunstwerkbilder über einen externen IIIF-Server.
Wir sprachen mit Dr. Eva Reifert, Kuratorin der Ausstellung, und Bernhard Witz, Leiter Digital Collections & Applications am Kunstmuseum Basel, über Ausstellungsarchivierung, digitale Vermittlung und den praktischen Einsatz von virtuellen Rundgängen.

„Eine digitale Präsenz ist ein guter Weg, um auch diejenigen zu erreichen, die die eigentliche Ausstellung nicht sehen konnten.“
Welche Vorteile sehen Sie im Einsatz virtueller Rundgänge?
Es ist wunderbar, Ausstellungen, an denen wir jahrelang gearbeitet haben, durch virtuelle Rundgänge ein Weiterleben nach dem Abbau geben zu können. Bei Projekten, die für die Geschichte unseres Hauses bedeutsam sind, wie etwa die «Zerrissene Moderne», spielt für mich auch der Aspekt der Archivierung eine wichtige Rolle.
Ein virtueller Rundgang hat hier durch die Einbeziehung aller Materialien, Texte, Filme etc. ganz andere Möglichkeiten als fotografische Momentaufnahmen. Nicht zuletzt ist eine digitale Präsenz auch ein guter Weg, um alle zu erreichen, die aus den unterschiedlichsten Gründen die eigentliche Ausstellung nicht sehen konnten, und ihnen einen Zugang zu den Inhalten bis hin zum Raumeindruck anzubieten.
Was sind die Vorteile der 360°-Digitalisierung gegenüber der klassischen Ausstellungsreproduktionsfotografie?
Für mich ist es wichtig, dass ein Raumeindruck vermittelt wird und auch die Bewegung durch den Raum – dass sich also Dinge nacheinander erschliessen, und man sogar überrascht werden kann. Eigens produzierte Filme, Texte und die eingebundenen hochauflösenden Abbildungen insgesamt bieten ein Erlebnis, das «the next best thing» nach dem eigentlichen Ausstellungsbesuch ist. Nichts kann die Atmosphäre im Raum ersetzen, oder den Eindruck vor einem Original. Aber ein virtueller Rundgang ist Raumaufnahmen natürlich vorzuziehen, die keine Zugänglichkeit der Inhalte bieten und den Gesamtzusammenhang nicht abbilden können.
Was ist Ihnen hinsichtlich Darstellung und BenutzerInnenführung bei virtuellen Rundgängen besonders wichtig?
Irgendwann wird es sicher Möglichkeiten geben, das Ganze noch «smoother» zu machen, dass man also für die Navigation beispielsweise keine Pfeile mehr braucht, oder Videos ohne Doppelklick starten, wenn man für einen Moment darauf «blickt». Aber auch so schon vermittelt sich die Erfahrung von sich Annähern und Entfernen, von genau Hinsehen und Überfliegen, erstaunlich gut.
Was gefällt Ihnen am besten an der cura3D 360° InteractiveTour Photo, haben Sie eine Lieblingsfunktion?
Mir geht’s ums Ganze und um das Zusammenspiel, und das funktioniert gut in meinen Augen.
Wie bewerten Sie die neuen Möglichkeiten digitaler Vermittlungsstrategien, zum Beispiel geführte KuratorInnenführungen, Besprechung von Ausstellungen in Schulen oder den Einsatz in der Bildungsarbeit?
Ich hoffe, dass der virtuelle Rundgang sich mit der Zeit als Angebot etabliert und in den unterschiedlichsten Kontexten kreativ genutzt wird.

„Wir schätzen die hilfreiche und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit cura3D sehr.“
Worauf sollte man bei der Aufnahme eines virtuellen Rundgangs besonders achten?
Vor der Umsetzung sollte man sorgfältig überlegen, welche Standorte sich für die 360°-Aufnahmen eignen, da dies großen Einfluss auf die Orientierung innerhalb des Rundgangs hat. Die Herausforderung besteht darin, mit möglichst wenigen Standpunkten möglichst viel Überblick zu schaffen. Idealerweise bestehen direkte Sichtachsen zwischen den Aufnahmen.
Welche Vorteile bietet das Web-CMS der cura3D 360° InteractiveTour Photo für Museen?
Das CMS ermöglicht auch Menschen mit weniger technischer Erfahrung, Annotationen für den Rundgang anzulegen. Besonders hilfreich ist die Importfunktion für Daten aus dem Sammlungsmanagementsystem.
Wie lief der Prozess der Erstellung des virtuellen Rundgangs ab, von der Fotografie bis zur Veröffentlichung auf der Website des Kunstmuseum Basel?
Wir benötigen in der Regel viel Zeit, um von unseren Leihgeber:innen die Genehmigungen für die Nutzung der Bilder einzuholen. Danach werden für alle Exponate Studioaufnahmen sowie zusätzliches Ausstellungsmaterial wie Wandtexte, Archivdokumente, Raumblätter, Videos, Audioguides und weiteres Material zusammengestellt, das später im Rundgang verlinkt wird. Nach der Ausstellungseröffnung erstellt unser hauseigener Fotograf die 360°-Aufnahmen und fotografiert die Vitrinen mithilfe einer Hebebühne. Mit jedem virtuellen Rundgang konnten wir die Erstellungsprozesse und technischen Möglichkeiten weiter verbessern. Dieses Mal gehörten dazu zum Beispiel eine automatisierte Schnittstelle zu unserem DAM-System und die Integration von IIIF-Bildern, die ein flüssiges Zoomen in unsere hochauflösenden Werkfotografien ermöglichen.
Was unterscheidet virtuelle Rundgänge von cura3D von anderen Rundgängen?
Für uns als Kunstmuseum hat die Technologie mit hochauflösenden Panoramabildern den Vorteil, dass die Qualität der Werke besser zur Geltung kommt und die Benutzeroberfläche relativ einfach zu bedienen ist. Rundgänge mit 3D-Räumen erreichen das aus meiner Sicht noch nicht ganz in derselben Weise. Ich finde es wichtig, dass Details zu jedem Ausstellungsobjekt mit einem einzigen Klick aufgerufen werden können. Persönlich gefällt mir besonders die Audioguide-Funktion. Mir ist wichtig, dass ich im virtuellen Rundgang alles sehen und hören kann, was auch in der ursprünglichen Ausstellung vorhanden war.
Was zeichnet die Zusammenarbeit mit cura3D aus?
Wir schätzen die hilfreiche und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit cura3D sehr. Außerdem freut es uns, dass Feature-Wünsche von uns immer wieder aufgenommen und umgesetzt wurden.